Jahr der Barmherzigkeit

Papst Franziskus hat ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen und es eigens zu einem Heiligen Jahr erklärt. Damit stellt er sich bewusst in die Tradition Johannes Pauls II., der Barmherzigkeit als Wesenskern Gottes erkannte. Bei seinem ersten Angelus-Gebet im Jahr 2013 hat Franziskus die Kirche und die Welt erinnert, dass Barmherzigkeit die Welt verändert. Das in der Kirche sträflich vernachlässigte Thema wurde schon durch den „Papa buono“ – Johannes dem XXIII. in seiner Rede zur Eröffnung des II.   Vatikanischen Konzils neu ins Bewusstsein der Kirche geholt. Die Kirche habe „oft verurteilt, manchmal mit großer Strenge“.

Mit der Sehnsucht nach einer neuen Gestalt der Kirche für unsere Zeit betonte dieser Papst, dass die Kirche „lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden, als die Waffe der Strenge erheben möchte“. Mit der Barmherzigkeit ist es so eine Sache. Wer nickt nicht eifrig und zustimmend, wenn man sie einfordert. Aber wenn es konkret wird, weiß kaum jemand etwas mit dem Begriff anzufangen. Wann ist man barmherzig? Wenn man bei Verfehlungen ein Auge zudrückt? Oder – groß gedacht: Wenn man als Land Barrieren für Flüchtlinge abbaut? Hat das überhaupt was mit Barmherzigkeit zu tun – oder vielleicht doch eher etwas mit Gerechtigkeit und Rechten, den sogenannten Menschenrechten?

Die Fähigkeit zur Barmherzigkeit beginnt im Kleinen. Im familiären Umfeld lernen Kinder den Umgang miteinander, aufeinander Rücksicht zu nehmen, zu teilen, zu trösten und sich um Familienmitglieder zu kümmern, denen es nicht gut geht. Es liegt an den Eltern, den Blick von den Nöten innerhalb der Familie auch auf das über die Familie hinausgehende Umfeld zu erweitern. Dies führt zur Schärfung des Bewusstseins für die Lebenssituation von Menschen in bedrohten und schwierigen Lebenssituationen. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37) ist die Richtlinie christlicher Barmherzigkeit. Barmherzigkeit hat daher nichts mit Gefühlsduselei zu tun, sondern viel damit, dass ich meinen Nächsten ernst nehme in seinen Sorgen, Ängsten und Nöten. So erinnert der Begriff Barmherzigkeit uns letztlich daran, dass Gerechtigkeit allein nicht genug ist.

Thomas von Aquin schreibt in seinem Kommentar zum Matthäus-Evangelium: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit; Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung“. In seiner „Summa theologica“ heißt es: Barmherzigkeit hebt die Gerechtigkeit nicht auf, sie ist vielmehr die Fülle der Gerechtigkeit! So greifen auch ich als Pfarrer und unsere PfarrmitarbeiterInnen in diesem Jahr dieses Thema „Barmherzigkeit“ immer wieder auf.

Mit der Bitte, dieses große Anliegen „Barmherzigkeit“ unseres Papstes Franziskus mitzutragen, wünsche ich Ihnen wertvolle Begegnungen und tiefe Erfahrungen für Ihr Leben und Ihren Glauben!

Ihr Seelsorger
MMag. Johannes F. Baier, MA



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